Das 9€-Ticket – Strohfeuer oder Startschuss in eine echte Mobilitätswende

Seit Anfang Juni gilt deutschlandweit das so genannte 9€-Ticket. Für die Monate Juni, Juli und August können die Menschen mit diesem Ticket für 9€ pro Monat den gesamten ÖPNV nutzen. Die Ziele der Maßnahme sind die finanzielle Entlastung der Bürger*innen angesichts stark gestiegener Energiepreise sowie mehr Menschen dazu zu bewegen, ihr Auto stehen zu lassen und stattdessen den ÖPNV zu nutzen. Wie ist diese Maßnahme zu bewerten? Und vor welchen Herausforderungen steht der ÖPNV im Allgemeinen? Diese und weitere Fragen möchte dieser Blogbeitrag beantworten.

Kritik am 9€-Ticket
Der Mobilitätsforscher Prof. Oliver Schwedes glaubt nicht, dass das 9€-Ticket alleine in der Lage sein wird, die Menschen zum Verzicht aufs Auto zu bewegen. Ihm zu Folge müsste man nicht nur den ÖPNV attraktiver gestalten, sondern gleichzeitig auch die Attraktivität des Autos verringern. Zum Beispiel indem man die Parkkosten in Innenstädten deutlich erhöht. Wie wichtig das ist, zeigt sich auch daran, dass der Verkehrssektor und insbesondere der Auto-Verkehr mit Verbrennermotoren für einen erheblichen Teil der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.1
Vom Deutschen Städte- und Gemeindebunde kommt folgende Kritik an dem 2,5 Mrd.€-Projekt. Das 9€-Ticket sei ein teures Experiment; das Geld hätte man besser in mehr Strecken und eine dichtere Taktung im öffentlichen Nahverkehr investieren sollen, so Hauptgeschäftsführer Landsberg.2
Der Mobilitätsexperte Philipp Kosok vom Think-Tank Agora Verkehrswende hat folgendes zum 9€-Ticket zu sagen. In seinen Augen könnte das Angebot ein Grund zur Hoffnung und in Einstieg in die Mobilitätswende sein. Für eine dauerhafte Mobilitätswende würde es aber nicht ausreichen. Hier brauche es zusätzlich einen dauerhaften Ausbau des ÖPNV-Angebots und mehr Geld für die Bahn.2

Generell ist es aber auch wichtig zu betonen, dass das 9€-Ticket auch von Seiten der Regierung nur als Teilelement der Mobilitätswende geplant ist. Das 9€-Ticket soll vor allem zeigen, dass günstigere Ticketpreise die Menschen zum Umstieg auf den öffentlichen Personennahverkehr bewegen sollen. Dauerhaft könnte sich ein vergünstigtes Ticket zum Beispiel am österreichischem 365€-Ticket orientieren, bei dem die Menschen für 1€ pro Tag den öffentlichen Personennahverkehr in bestimmten Städten und Bundesländern nutzen können.

Vor welchen Herausforderungen steht der ÖPNV im Allgemeinen?
Ein großes Problem stellt die Tatsache dar, dass die Auslastung des ÖPNVs stark schwangt. Während zum Beispiel die Nahverkehrszüge morgens und abends zu den Hauptpendelzeiten oft stark ausgelastet sind, sieht das zu den Nebenzeiten ganz anders aus. Laut statistischem Bundesamt sind die Nahverkehrszüge so im Durchschnitt nur zu 26% ausgelastet.4
Hinzu kommt, dass die Anforderungen an den ÖPNV in den Städten und auf dem Land sehr unterschiedlich sind. Während die Nachfrage in den Städten häufig zu übervollen Bussen und Bahnen führt, sieht die Situation im ländlichen Raum ganz anders aus. Philipp Kossok vom Think-Tank Agora Verkehrswende sieht als Grund hierfür vor allem die schlechten Angebote im ländlichen Raum und weniger preisliche Aspekte.3
Erschwert wird die Nutzung des ÖPNVs in Deutschlands außerdem durch eine Vielzahl an Verkehrsverbünden mit eigenen Preisen, Tarifsystemen und Regeln. Zumindest dieses Manko kann das 9€-Ticket für den Zeitraum überbrücken.

Mögliche Lösungsansätze
Neben einer besseren und längerfristig planbaren Finanzierung des ÖPNVs braucht es laut Oliver Wolff, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmer vor allem eine Vernetzung verschiedener Mobilitätsangebote. 2019 sagte er in einem Interview mit der F.A.Z., dass „die Kunden ein attraktives Gesamtangebot aus einem Guss [benötigen], aus dem sie für sich das jeweils passende Verkehrsmittel auswählen können.“4
Generell liegt in einer Flexibilisierung des ÖPNVs eine große Chance. Hier könnten On-Demand-Angebote, also flexible Angebote auf Abruf eine Rolle spielen und beispielsweise die Mobilität im ländlichen Raum stärken. Um auch Menschen für den ÖPNV zu gewinnen, könnten laut ADAC flexiblere Ticketsysteme ein gangbarer Weg sein. Diese stellen eine Reaktion auf veränderte Arbeitsmodelle wie mehr Home Office dar und könnten beispielsweise folgendermaßen aussehen.
Die Inhaber*innen zahlen pro Monat einen Grundpreis, auf den die Kosten für die Fahrten im Moment aufgeschlagen werden. Sprich: Wer in einem Monat mal weniger fährt, weil er oder sie viel im Home Office ist, zahlt auch weniger.5

Fazit
Es zeigt sich, dass das 9€-Ticket wohl unzureichend sein wird, um eine dauerhafte Mobilitätswende einzuleiten. Zusätzlich wird es auch attraktivere ÖPNV-Angebote und eine Schwächung der Stellung des Autos brauchen. Das 9€-Ticket kann aber zeigen, dass deutlich gesenkte Ticketpreise die Menschen zu einer Mehrnutzung des ÖPNV bewegen können und so den Rückhalt für weitere vergünstigte Tickets sichern.

Übrigens:
Die PRIO1-Community hat einige spannende Vorschläge zur Umsetzung der Mobilitätswende erarbeitet. Diese findet ihr hier.

(1) Prof. Oliver Schwedes im Interview mit dem Funk-Format Puls: https://www.youtube.com/watch?v=ZGAJ0GzRhE8
(2) Tageschau-Sendung zum Verkaufsstart des 9€-Tickets: https://www.youtube.com/watch?v=zgmH6RzUkOc
(3) Statistisches Bundesamt zur Auslastung im öffentlichen Personennahverkehr: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2019/PD19_04_p002.html
(4) F.A.Z.-Interview mit Oliver Wolff: https://www.faz.net/asv/deutschland-mobil-2030/der-oepnv-benoetigt-auskoemmliche-und-planbare-rahmenbedingungen-16153859.html
(5) ADAC-Artikel zur Zukunft des ÖPNVs: https://www.adac.de/verkehr/standpunkte-studien/mobilitaets-trends/oepnv-zukunft/

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  • Marius Göbel, PRIO1-Praktikant

    Wissenschaftlerin mit Weltkugel in Reagenzglas

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