Wie Seegraswiesen das Meer und unser Klima schützen
Seegraswiesen gehören zu den wichtigsten, aber am wenigsten bekannten Ökosystemen der Erde. Sie speichern Kohlenstoff, schützen Küsten und bieten Lebensraum für zahlreiche Meeresbewohner. Trotzdem verschwinden sie weltweit – meist unbemerkt. Ein Verlust, der weitreichende Folgen für Klima und Meeresleben hat.
Was Seegras so besonders macht
Anders als Algen sind Seegräser keine einfachen Wasserpflanzen, sondern vollwertige Blütenpflanzen – mit Wurzeln, Blättern und sogar kleinen Blüten, die sich unter Wasser öffnen. Seegräser wachsen in flachen, lichtdurchfluteten Küstenbereichen – zum Beispiel in der Nord- und Ostsee, im Mittelmeer oder auch in tropischen Regionen.
Weltweit bedecken Seegraswiesen schätzungsweise bis zu 317.000 Quadratkilometer Meeresboden.[1] Dort bilden sie dichte, sattgrüne Teppiche, die eine wichtige Rolle für das Ökosystem spielen. Sie dienen vielen Fischen, Krebsen und Schnecken als Lebensraum. Besonders für Jungfische sind Seegraswiesen ein geschützter Aufwuchsraum.
Die Wurzeln des Seegrases dienen als natürlicher Küstenschutz: Sie stabilisieren den Meeresboden und verhindern, dass Wellen den Sand fortspülen. Außerdem filtern die Pflanzen Schadstoffe und Krankheitserreger aus dem Meer und tragen so zu einer besseren Wasserqualität bei.[2]
Während die oberen Teile der Seegräser meist nur einjährig wachsen, können die unterirdischen Teile, die sogenannten Wurzelrhizome, zwischen 800 und 1.600 Jahre alt werden. Teilweise gibt es auch Altersdatierungen auf bis zu 3.000 Jahre.[3]
Blue Carbon – CO₂-Speicher unter Wasser
Seegraswiesen können aber noch mehr: Sie sind nicht nur Lebensräume, sondern auch effektive CO₂-Speicher. Durch die Fotosynthese nehmen die Pflanzen Kohlenstoffdioxid aus dem Wasser auf und bauen dieses in Form von Zucker in ihre Blätter, Wurzeln und Rhizome ein. Gleichzeitig wird Sauerstoff produziert.
Wenn die Pflanzen absterben, werden sie von Bodensedimenten bedeckt, dadurch bleibt der „blaue Kohlenstoff“ – englisch Blue Carbon – langfristig eingeschlossen, solange die Wiesen intakt sind.[4]
Obwohl sie weniger als 0,2 Prozent des Meeresbodens bedecken, speichern sie rund zehn Prozent des jährlich im Ozean gebundenen Kohlenstoffs. Damit sind sie pro Fläche effizienter als viele Wälder an Land. Diese Speicherleistung macht sie zu einem wichtigen natürlichen Faktor im globalen Klimasystem.[5]
Bedrohung und Rückgang
Doch weltweit verschwinden Seegraswiesen in rasantem Tempo – und das meist unbemerkt. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts sind rund ein Drittel der bekannten Seegrasflächen weltweit verloren gegangen.[6]
Zu den Hauptursachen zählen Küstenbebauung, Verschmutzung durch Abwässer und Düngemittel, sowie die mechanische Belastung durch Schifffahrt, Anker oder Schleppnetze. Hinzu kommen steigende Wassertemperaturen und Sauerstoffmangel infolge des Klimawandels.[7]
Ein weiteres Problem ist die zunehmende Nährstoffbelastung: Sie fördert das Wachstum von Algen, die sich auf dem Seegras ablagern und das Wasser trüben. Da Seegras viel Licht zum Wachsen braucht, sterben die Pflanzen unter solchen Bedingungen nach und nach ab. [8]
Der Verlust von Seegras hat weitreichende Folgen: Wenn Seegraswiesen sterben, wird der gespeicherte Kohlenstoff wieder freigesetzt, und das verstärkt den Treibhauseffekt.[9] Außerdem gehen wichtige Lebensräume verloren, das Wasser wird trüber, und die Küsten anfälliger für Erosion. Es ist ein Kreislauf, der zeigt: Auch unter der Meeresoberfläche spielt sich die Klimakrise ab.
Forschung und Schutzprojekte
Weltweit arbeiten Wissenschaftler*innen und Umweltschutzorganisationen daran, Seegraswiesen zu schützen und geschädigte Flächen wiederherzustellen. In der Nordsee und Ostsee werden beispielsweise Seegrassamen gesammelt und in geeigneten Küstenbereichen ausgesät.[10] Erste Projekte, etwa im nördlichen Wattenmeer, zeigen, dass sich Seegras erfolgreich wieder ansiedeln kann, wenn die Belastung durch Nährstoffe und mechanische Einflüsse reduziert wird.[11]
Auch international gewinnen Seegraswiesen zunehmend an Bedeutung im Klimaschutz. Programme wie die Blue Carbon Initiative oder Forschungsprojekte des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und des Helmholtz-Zentrums Hereon untersuchen, wie Seegras zur CO₂-Speicherung beiträgt und welche Bedingungen für seine Erholung nötig sind.[12]
Neben wissenschaftlicher Forschung spielt auch der Schutz der Küstengewässer eine zentrale Rolle. Maßnahmen wie die Reduktion von Düngemitteln, der Schutz flacher Uferzonen und nachhaltige Fischereipraktiken können helfen, Seegrasbestände langfristig zu sichern. Jeder wiederhergestellte Quadratmeter Seegras bedeutet mehr Kohlenstoffbindung, bessere Wasserqualität und mehr Lebensraum im Meer – ein klarer Gewinn für Natur und Klima .
Auch das Projekt SeagrassGuards setzt sich aktiv für den Erhalt dieser wertvollen Lebensräume ein. Es macht die Bedeutung von Seegraswiesen für den Klimaschutz sichtbar und verbindet Meeresbiologie, Umweltbildung, kreative Kommunikation und Forschung. Dafür wurde das Team für den PRIO1 Klima-Preis 2025 nominiert.
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Projektträger von PRIO1 ist die Klimastiftung für Bürger. Initiatoren und Förderer sind die Dietmar Hopp Stiftung gGmbH und die Klaus Tschira Stiftung gGmbH. Der Rhein-Neckar-Kreis ist Partner von PRIO1.